Pflegebedürftigkeit

Der kontinuierliche medizinische Fortschritt führt zu einer steigenden Lebenserwartung. Damit verbunden gibt es immer mehr Menschen, die Pflege-, Betreuungs- und Unterstützungsleistungen benötigen. Pflegebedürftigkeit ist ein Thema, das präsent ist. Fast jede*r kennt eine pflegebedürftige Person. Die Ursachen für Pflegebedürftigkeit sind breit gestreut. Eine Demenz, Multimorbidität im Alter, eine akute oder eine chronische Erkrankung, die Menschen in ihrer Selbständigkeit, der Selbstbestimmungs- und Teilhabeverwirklichungschancen beraubt. Nicht nur ältere Menschen sind von Pflegebedürftigkeit betroffen. Erkrankungen oder Unfälle können jede*n in jedem Alter treffen.

Bislang wird Pflegebedürftigkeit vorrangig im Kontext von Medizin und Pflege betrachtet. Zwar rücken zunehmend auch soziale Aspekte des Alter(n)s in den Fokus, jedoch ist es erforderlich psychosoziale Themen stärker und umfassender in den Blick zu nehmen.

Der Eintritt der Hilfebedürftigkeit stellt für den/die Pflegebedürftigen und die Bezugspersonen eine einschneidende Krise und eine umfassende Veränderung dar. Dabei sind verschiedene Hürden zu meistern, Fragen sind zu klären, Lösungen zu initiieren, Anträge zu stellen, Leistungen zu erschließen. Es kann um die Suche nach Therapie- und Pflegemöglichkeiten gehen, um persönliche Wünsche und Absprachen im sozialen Netzwerk. Das kostet Geld, aber vor allem Zeit, Kraft und Geduld. Die psychosozialen Belastungen können dabei immens sein. Ende 2019 gab es circa 4,13 Millionen pflegebedürftige Personen in Deutschland, von denen lediglich circa 650.000 Menschen 60 Jahre und jünger waren. Vier von fünf pflegebedürftigen Personen wurden Ende 2019 zuhause gepflegt durch Angehörige und ambulante Pflege- und Betreuungsdienste (Quelle DESTATIS). Zum gleichen Zeitpunkt existierten 15.380 Pflegeheime (vollstationäre Pflegeeinrichtungen) und 14.688 ambulante Pflegedienste in Deutschland.

Soziale Arbeit im Kontext Alter und Pflegebedürftigkeit

Es gibt nur wenige bzw. fragmentarische Zahlen, wie viele Fachkräfte der Sozialen Arbeit in den verschiedenen ambulanten oder stationären Settings im Kontext einer drohenden oder vorhandenen Pflegebedürftigkeit tätig sind. Das aktuell dominierende Verständnis von Sozialer Arbeit in Praxisfeldern entspricht dem Blickwinkel der Altenarbeit mit einer insgesamt starken Ausrichtung auf Lebenswelten. Die der Profession zugrundliegende Perspektive der Person in der Lebenswelt und der Befähigung sind für die Lebenslage derjenigen, die mit Pflegebedürftigkeit konfrontiert sind, von besonderer Relevanz. Die Ausbildung der Sozialarbeiter*innen bietet grundsätzlich beste Voraussetzungen für eine Beteiligung an der Weiterentwicklung von Rahmenbedingungen und Konzepten der Altenhilfe sowie an der Bearbeitung von individuellen Problemlagen. Sozialarbeiter*innen zeichnen sich durch vielschichtige, im Studium erworbene Kompetenzen aus und sind daher ein unersetzlicher Teil in der ganzheitlichen Behandlung und Unterstützung von pflegebedürftigen Menschen. Sie sind insbesondere ausgebildet zur Förderung der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben („trotz Pflegebedürftigkeit“), für die psychosoziale Begleitung, Aktivierung von Ressourcen, Hilfe zur Selbsthilfe, Vernetzung und Koordinierung von Unterstützungsleistungen. Sie nehmen dabei oftmals eine unterstützende und moderierende Lotsenfunktion ein unter Berücksichtigung der individuellen Bedarfe und Wünsche der jeweiligen Lebenswelten.

Derzeit wird in Kontexten des Alterns vor allem die sozialräumliche Perspektive aufgegriffen, die der sozialen Altenarbeit insbesondere Aufgaben der Fachberatung und moderierende Funktionen im Quartier zuschreibt. Dabei bezieht die Soziale Arbeit die sich entwickelnden quartiersorientierten Ansätze in der Pflege ein.

Mit Blick auf den Bereich der Pflegebedürftigkeit sind Sozialarbeiter*innen insbesondere in folgenden Arbeitsfeldern anzutreffen:

  • Altenhilfe, z. B. im Rahmen der Ausgestaltung des kommunalen Auftrages der Altenhilfe, der Angebote der Altenhilfe bei Sozialhilfeträgern, kommunalen oder freien Trägern
  • Behinderten-/Eingliederungshilfe
  • Pflegeberatung, z. B. bei Pflegekassen, in Pflegestützpunkten, bei ambulanten Pflege-/Hospizdiensten, in Krankenhäusern oder im Bereich des Öffentlichen Gesundheitsdienstes
  • Vollstationäre Pflege, wie in Einrichtungen der Alten-, Behinderten- sowie Eingliederungshilfe
  • Quartiersarbeit
  • Rehabilitation

 

Weitere Handlungsfelder der Sozialen Arbeit sind im Rahmen der Akutversorgung in Krankenhäusern, Geriatrischen Kliniken, Krisendiensten, in palliativer Begleitung, edukativen Beratungs- und Begleitungssituationen sowie im Rahmen von Förderung von Selbsthilfe.

Ausblick

Von einer großen Aufmerksamkeit und gesetzgeberischen Dynamik ist seit einigen Jahren der Bereich des SGB XI gekennzeichnet. Vor dem Hintergrund des neuen Begriffs von Pflegebedürftigkeit mit seiner Einbeziehung des Teilhabegedanken im PSG II und der besseren Verzahnung von Sozialversicherungsleistungen der Pflegekassen und der kommunalen Strukturen durch das PSG III könnte die kommunale soziale Angebotsausgestaltung in Zukunft eine größere Rolle bei der Bearbeitung der sozialen Risiko- und Kontextfaktoren des Alters spielen. Gerne beteiligt sich die DVSG am Diskurs und der Entwicklung von Fachkonzepten. Sprechen Sie uns an!


Ansprechperson
Katrin Mimus

Sprecher*in der LAG , Gesamtvorstand DVSG
Diplom Sozialarbeiterin / -Sozialpädagogin
Stadt Leipzig
Dezernat Soziales, Gesundheit und Vielfalt
Sozialamt, Abteilung Wirtschaftliche Sozialhilfe
Sachgebietsleiterin Sozialer und pflegerischer Fachdienst
04092 Leipzig
Tel. 0341 1234150
 Katrin Mimus

Literaturempfehlungen

Speziell zu Sozialer Arbeit im Kontext Alter und Pflege

Aner, Kirsten; Karl, Ute (Hrsg.) (2020): Handbuch Soziale Arbeit und Alter. 2. Auflage. Heidelberg: Springer Verlag.

Köchling-Farahwaran, Juliane; Börm, Sonja (2019): Gesundheitsbezogene Soziale Arbeit: Soziale Arbeit mit alten Menschen. In: Dettmers, Stephan; Bischkopf, Jeannette: Handbuch der gesundheitsbezogenen Sozialen Arbeit. München: Reinhardt Verlag, S. 225-230.

Adolph, Holger; Ulrich, Heike (2015): Vernetzung über die Sektorengrenzen hinweg muss das Ziel sein. Gesundheitsbezogene Beratung durch soziale Arbeit für benachteiligte ältere Menschen. Deutsche Vereinigung für Soziale Arbeit e. V. (Hrsg). Berlin.


Der DVSG-Bundeskongress 2019 hat mit verschiedenen Foren Themen im Kontext Alter und Pflege aufgegriffen:

Mehr dazu

 

Altersberichterstattung der Bundesregierung

Ältere Menschen und Digitalisierung: Der Achte Altersbericht der Bundesregierung betrachtet mit der Digitalisierung einhergehenden Chancen und Herausforderungen für das Leben älterer Menschen (August 2020)
Broschüre Ältere Menschen und Digitalisierung:  Die wichtigsten Erkenntnisse und Empfehlungen des Achten Altersberichts sind in dieser Broschüre zusammengefasst. Herausgeberin ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
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Pflegeleistungen im Überblick

Ratgeber Pflege (BMG)
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