Studie: Elternschaft nach sexueller Gewalt in der Kindheit

Dunkelfeldstudien belegen, dass jede*r siebte Erwachsene in der Kindheit und Jugend sexualisierte Gewalt erlebt hat. Was es aber für Betroffene bedeutet, im Erwachsenenalter selbst Kinder zu haben und elterliche Verantwortung zu tragen, ist bisher kaum bekannt. Ein Forschungsprojekt am Sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitut zu Geschlechterfragen (SoFFI F. im SOCLES) hat dies untersucht. Dabei standen folgende Fragen im Mittelpunkt: Wie denken Menschen, die in der Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben, über eigene Kinder nach? Aus welchen Gründen entscheiden sie sich aktiv für oder gegen eigene Kinder? Welche Ängste und Sorgen haben sie und welche Rolle spielt ihre eigene Betroffenheit dabei? Welche Art von Unterstützung brauchen sie? Projektleiterin Prof. Dr. Barbara Kavemann: „Die eigene Betroffenheit hat für viele der Befragten eine große Bedeutung, wenn sie über das Elternwerden nachdenken. Sie setzen sich kritisch damit auseinander, ob sie in der Lage sein werden, ihre Kinder zu schützen und gut zu versorgen. Eine vertrauensvolle und unterstützende Partnerschaft wird oft als Voraussetzung für eine leibliche Elternschaft gesehen. Die Folgen der Gewalt führen jedoch nicht selten zu Schwierigkeiten, eine solche Beziehung zu finden und zu führen. Auch Sexualität zu leben, kann für Betroffene schwierig sein und ist manchmal nicht möglich. Einige Befragte haben sich gegen eigene Kinder entschieden, weil sie befürchteten, dass die eigenen Gewalterfahrungen sich negativ auf ihre Kinder auswirken könnten, dass sie sie beispielsweise zu sehr mit den Folgen der Gewalt belasten würden oder sie aufgrund von Erschöpfung nicht ausreichend versorgen könnten.“

Aus den Ergebnissen des Forschungsprojektes wurden Empfehlungen für die Politik und das Unterstützungssystem erarbeitet, wie Betroffene von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend bei ihrer Familienplanung, bei der Versorgung in der Schwangerschaft und bei der Geburt sowie im Alltag als Eltern besser unterstützt werden können. Dafür braucht es nicht grundsätzlich neue Angebote. Stattdessen müssen die bereits bestehenden Angebote das Thema Eltern, die von sexueller Gewalt in der Kindheit und Jugend betroffenen sind, aufgreifen. Notwendig sind beispielsweise entsprechende Informationsangebote im Rahmen von Elternkursen, Familienberatung und Familienbildung. Diese Informationen sind aber auch für Fachkräfte in der Sozialen Arbeit und Pädagogik wichtig und müssen in Aus- und Fortbildung vermittelt werden. Erziehungs- und Familienberatungsstellen müssen betroffene Eltern genauso mitdenken, wie auf sexuelle Gewalt spezialisierte Fachberatungsstellen das Thema Elternschaft. Zusätzlich ist es wichtig, den Austausch und die Vernetzung von betroffenen Eltern, wie etwa durch Selbsthilfegruppen und -initiativen, zu fördern. 

zum Download der Studie