Nachruf der DGSA: Silvia Staub-Bernasconi verstorben
In einem Nachruf würdigt die DGSA Silvia Staub-Bernasconi als eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der Sozialen Arbeit, eine engagierte Vertreterin der Profession und eine unermüdliche Streiterin für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit. Über viele Jahrzehnte hinweg habe sie die Entwicklung der Sozialen Arbeit im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus entscheidend geprägt. In dem Nachruf heißt es weiter:
"Silvia Staub-Bernasconi wurde 1936 in Zürich geboren. Nach ihrer Ausbildung an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich arbeitete sie zunächst in der Gemeindefürsorge. Ein Stipendium der Vereinten Nationen ermöglichte ihr anschließend ein Studium der Sozialen Arbeit in den USA. Diese Zeit und die dort gemachten Erfahrungen mit sozialer Ungleichheit, aber auch mit Widerstand dagegen, prägte sie sehr. Nach ihrer Rückkehr verband sie praktische Tätigkeit, wissenschaftliche Ausbildung und Lehre auf eine für ihr gesamtes Wirken charakteristische Weise. Ab 1967 lehrte sie an der Schule für Soziale Arbeit in Zürich. Parallel dazu studierte sie Soziologie, Sozialethik und Pädagogik an der Universität Zürich und promovierte mit einer Arbeit über soziale Probleme. 1996 habilitierte sie sich an der Technischen Universität Berlin, an der sie anschließend bis 2003 als Professorin tätig war.
Im Zentrum ihres wissenschaftlichen Werkes stand die Frage, wie Soziale Arbeit ihre Gegenstände, ihre gesellschaftlichen Aufgaben und ihr professionelles Handeln eigenständig und wissenschaftlich begründen kann. Silvia Staub-Bernasconi verstand Soziale Arbeit nicht als bloße Anwendung von Erkenntnissen anderer Disziplinen. Sie setzte sich vielmehr mit großer Beharrlichkeit für ihre Anerkennung als eigenständige wissenschaftliche Disziplin und handlungsfähige Profession ein.
Als eine der zentralen Architektinnen des Systemtheoretischen Paradigmas der Sozialen Arbeit entwickelte sie gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen einen umfassenden theoretischen Bezugsrahmen. Dieser verbindet die Analyse individueller Lebenslagen mit der Untersuchung sozialer Beziehungen, gesellschaftlicher Strukturen und ungleicher Machtverhältnisse. Soziale Probleme erscheinen darin weder allein als persönliches Versagen noch ausschließlich als Ergebnis abstrakter gesellschaftlicher Bedingungen. Sie werden vielmehr als komplexe Beeinträchtigungen menschlicher Bedürfnisse und sozialer Teilhabe verstanden, die wissenschaftlich erklärt und durch professionelles Handeln bearbeitet werden müssen. Dazu formulierte Silvia Staub-Bernasconi eine eigene Problemtheorie.
Besonders nachhaltig wirkte Silvia Staub-Bernasconis Verständnis der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession. Menschenrechte waren für sie keine unverbindliche moralische Ergänzung professionellen Handelns. Sie bildeten vielmehr eine zentrale normative Grundlage, von der aus soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Unterdrückung und illegitime Machtverhältnisse erkannt, kritisiert und verändert werden können. Mit ihrem Konzept des Tripelmandats erweiterte sie die Vorstellung, Soziale Arbeit bewege sich lediglich zwischen den Erwartungen staatlicher und gesellschaftlicher Auftraggeber:innen einerseits und den Interessen ihrer Adressat:innen andererseits. Als dritte Dimension tritt der eigenständige Auftrag der Profession hinzu, der sich auf wissenschaftliches Wissen, professionelle Ethik und die Menschenrechte gründet. Damit eröffnete sie Sozialarbeitenden die Möglichkeit und zugleich die Verpflichtung, institutionelle Vorgaben kritisch zu prüfen und fachlich begründeten Widerspruch zu leisten.
Diese Verbindung von wissenschaftlicher Analyse, professioneller Verantwortung und gesellschaftspolitischem Engagement durchzog ihr gesamtes Wirken. Silvia Staub-Bernasconi fragte stets nach den konkreten Lebensbedingungen von Menschen, nach der Verteilung von Ressourcen und nach den Formen von Macht, durch die Teilhabe ermöglicht oder verhindert wird. Theorie war für sie kein Selbstzweck. Sie sollte dazu beitragen, soziale Probleme genauer zu verstehen, professionelles Handeln zu begründen und gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern."