DVSG-Bundeskongress zum 100jährigen Jubiläum eröffnet: Mut zur Haltung - Zukunft schon heute gesund und sozial gestalten
In einer Zeit tiefgreifender Veränderungen und Unsicherheiten mit sozialer Ungleichheit, demografischem Wandel, politischen Instabilitäten, Klimaveränderungen, Flucht und Vertreibung, Fachkräftemangel, Digitalisierung und einer zunehmend fragmentierten Versorgung stehen das Gesundheits- und Sozialwesen vor großen Herausforderungen. Umso wichtiger wird es Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenswelten wahrzunehmen, ihre Selbstbestimmung und Teilhabechancen zu stärken und sie verlässlich zu begleiten. Krankheit und Gesundheit stehen stets im Zusammenhang mit den sozialen Lebensverhältnissen der Menschen. Gesundheit hat immer eine soziale Dimension. Soziale Arbeit leistet einen unverzichtbaren Beitrag dazu, diese Dimension sichtbar zu machen und wirksam zu gestalten.
Die Lebenslagen von Menschen orientieren sich nicht an den institutionellen Grenzen des Gesundheits- und Sozialwesens. Besonders Menschen mit chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen, Behinderungen oder komplexen sozialen Problemlagen benötigen häufig Unterstützung über längere Zeiträume und über unterschiedliche Versorgungssysteme hinweg. Hier verfügt Soziale Arbeit über eine besondere Kompetenz. Ihre Methodenvielfalt ermöglicht es, personen-, system- und prozessbezogene Interventionen miteinander zu verbinden und Leistungen unterschiedlicher Akteur*innen zu koordinieren. Ziel ist dabei nicht allein eine erfolgreiche medizinische Behandlung. Es geht ebenso um eine möglichst selbstbestimmte Lebensführung, Alltagsbewältigung, soziale Einbindung und gesellschaftlichen Teilhabe.
Die Schirmherrin des Jubiläumskongresses, Claudia Middendorf, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit Behinderung sowie für Patientinnen und Patienten in Nordrhein-Westfalen, betont in ihrem Grußwort zu Beginn des Kongresses: „Krankheit, Behinderung oder eine chronische Erkrankung verändern häufig das gesamte Leben. Sie können Fragen nach der beruflichen Zukunft, der finanziellen Absicherung, der Familie, der Pflege, der sozialen Teilhabe oder der eigenen Selbstständigkeit aufwerfen. Genau hier setzt die Soziale Arbeit an: Sie hilft Menschen, sich in oftmals komplizierten Strukturen zurechtzufinden, ihre Rechte wahrzunehmen und Perspektiven zu entwickeln. Damit ist Soziale Arbeit im Gesundheitswesen auch ein wichtiger Baustein für Patientenorientierung, Teilhabe und Selbstbestimmung. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Veränderungen im Gesundheitswesen gewinnt diese Arbeit weiter an Bedeutung. Strukturen werden komplexer, Zuständigkeiten sind für Betroffene häufig schwer durchschaubar und zugleich nehmen die individuellen Unterstützungsbedarfe zu.“
Diese Navigations- und Koordinationskompetenz der Sozialen Arbeit gilt es gesundheitspolitisch besser und verbindlich zu verankern. Angesichts zunehmender Versorgungskomplexität darf Soziale Arbeit nicht auf die nachgelagerte Bearbeitung sozialer Probleme reduziert werden. Sie muss vielmehr bereits bei Gesundheitsförderung und Prävention angemessen beteiligt sein.
Für die beiden Vorsitzenden der DVSG, Prof. Dr. Stephan Dettmers und Ulrike Kramer, bleibt die soziale und gesundheitliche Ungleichheit eine der zentralen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. „Armut, unsichere Beschäftigung, prekäre Wohnverhältnisse, soziale Isolation, Bildungsungleichheit und eingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe beeinflussen Gesundheitschancen erheblich. Hier besitzt die gesundheitsbezogene Soziale Arbeit einen Auftrag, der über die Unterstützung im Einzelfall hinausgeht. Wir als Berufsgruppe und als Fachverband müssen soziale Bedingungen von Gesundheit sichtbar machen und dort fachpolitisch Stellung beziehen, wo strukturelle Entscheidungen soziale und gesundheitliche Ungleichheiten verstärken“, betonen beide in ihrem Eingangsstatement.
Hundert Jahre Verbandsgeschichte sind eine Verpflichtung. Sie zeigen, dass Fachlichkeit, Engagement und die Bereitschaft zur Veränderung einen Verband über Generationen hinweg tragen können. Die vergangenen hundert Jahre haben gezeigt, dass sich gesundheitsbezogene Soziale Arbeit immer wieder auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen einstellen musste. „Für das zweite Jahrhundert der DVSG wird Anpassung allein jedoch nicht ausreichen. Unser Anspruch muss sein, Entwicklungen nicht lediglich zu begleiten, sondern sie aktiv mitzugestalten. Dafür brauchen wir gesundheitsbezogene Soziale Arbeit, die wissenschaftlich fundiert, fachlich versiert, ethisch reflektiert und politisch sichtbar ist“, erläutert Professor Dettmers.
Für die DVSG ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: Sie muss sich gesundheitspolitisch für tragfähige, sektorenübergreifende und multiprofessionelle Versorgungsstrukturen einsetzen und zugleich die Profession selbst stärken. Dazu gehören Profilbildung, Fachkräftesicherung, Qualifizierung, angemessene Arbeitsbedingungen sowie die Weiterentwicklung fachlicher Standards. Politische Interessenvertretung, fachliche Profilierung und öffentliche Aufklärung werden damit zu zentralen Zukunftsaufgaben des Verbandes.


